wiredvanity

Das Leben, Social Media und Parallelwelten

Das hier entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Christina Romhanyi.

In den letzten Tagen wurde sehr viel über den Zustand von Social Media in Deutschland geschrieben. Zum einen wegen einer besagten Kampagne eines großen, auf Kommunikation spezialisierten Unternehmens, der dazugehörigen Agentur und dem ein oder anderem Testimonial. Dazu gab es dann noch ein Blog über uns in einem wirklich großen Blog, und zwar jenseits des großen Teichs. Alles sehr aufregend, alles sehr spannend, und dank der Tatsache, dass Publikationskosten gegen Null tendieren, haben wir natürlich auch eine Reihe vollkommen indiskutabler Meinungen gehört.

Unter dem Strich jedoch führte diese Diskussionen wieder zu Diskussionen über den Zustand von Social Media in Deutschland. Was gut ist. Diskussion, Reibereien und Fehler bringen uns am Ende ein Stück weiter. Und deswegen will ich auch meine Meinung einbringen. Und weil ich mich täglich in meinem Job damit auseinandersetzen muss.

Auch wenn ich bisher keine so eine große Kampagne, wie die des oft genannten Telekommunikationskonzerns, machen durfte – Konzerne, die gerne so was machen wollen, sollten mich bitte kontaktieren – gab es doch für mich mehr als eine Möglichkeit, mich mit den Bedürfnissen, aber vor allem auch mit den Möglichkeiten von Konzernen im Bereich Social Media zu beschäftigen.

Es ist ein schwieriges Feld. Seit ca. neun Monaten können wir bei uns in der Agentur ein gestiegenes Bedürfnis und Interesse für das Thema beobachten. Das ist recht schlagartig passiert, wenn auch nicht komplett ohne Vorwarnung. Das Interesse ist aber kein fundamentales, sondern ein extrinsisch beeinflusstes. D.h. der Druck auf Unternehmen, Social Media als Kommunikationsstrategie zu wählen, ist in Deutschland hauptsächlich durch die klassischen Medien entstanden, die viel über Dinge, wie Blogs, Facebook und Twitter berichten. (Was wiederum bis zu einem gewissen Grad sehr ironisch ist, denn die klassischen Medien berichten auch deshalb darüber, weil die Social Networks und Publikationsplattformen langfristig ihre Existenz gefährden werden.)

So wird also der Druck weitergegeben, “social” zu kommunizieren.

Richtig verstanden haben Social Media als Kommunikationsstrategie aber nicht viele – die eigentlichen Auswirkungen dieser vermeintlichen Trends, die in kürzester Zeit ganz massiv den Alltag klassischer Publikationsinstitutionen angreifen und damit für den Rest der Unternehmen die Kommunikationssimplizität nehmen, zeichnen sich nicht mal für uns, die so richtig tief drin stecken, noch nicht ganz ab. Dieses im Nebelfliegen macht den Job spannend und sorgt dafür, dass man ständig dazu lernen muss.

Doch wie sollen sich Prozesse, die sich seit Jahrzehnten eingeschliffen haben, so schnell ändern? – Gar nicht!
Okay, nicht ganz “gar nicht”, aber die Realität sieht nun mal so aus: Die durch die Technologie eingeleitete Veränderung, die für einen kleinen, einflussreichen Kreis an Multiplikatoren so allgegenwärtig ist, kann ein Unternehmen, schon gar kein Konzern, in der Geschwindigkeit mitmachen.

Bis zu einem gewissen Grad leben wir in zwei verschiedenen Realitäten, die sich an verschiedenen Stellen überschneiden. In diesen Realitäten werden jedoch nicht nur verschiedene Kommunikationsinstrumente eingesetzt, es herrschen dort auch verschiedene soziale Gesetze, und Menschen haben unterschiedliche Einstellungen.
Für mich ist Social Media in vielen Fällen ein Synonym für eine sich verändernde Gesellschaft. Es geht nicht nur darum, ob wir mit diesen Tools kommunizieren und mit ihnen Geld verdienen. Es geht auch darum, dass wir sozialer werden, eben weil wir teilen wollen. Weil wir nicht in Hierarchien kommunizieren wollen, sondern frei gewählt interagieren möchten. Mit wem auch immer. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Menschen dank dieser Social Media Tools an so viele Informationen herankommen und partizipieren können, wie noch nie zuvor. Und einige finden das ziemlich gut.

Andere nicht. Und dazu gehören auch die meisten Unternehmen. Sowohl in Deutschland als auch weltweit. Das liegt nicht daran, dass Unternehmen und Konzerne böse sind. Vieles liegt in der etablierten gesellschaftlichen und politischen Struktur begründet. (Wir leben nun mal im Kapitalismus.) Dass sich nun durch die weltweite erst Finanz-, dann Wirtschaftskrise, und ja, auch durch Social Media, einiges verändert, bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir nicht alle das gleiche Betriebssystem verwenden.
Der Durchschnittsbürger interessiert sich nicht mal für “Creative Commons”. Die meisten, die die Vorteile von “Teilen” noch nicht selbst erlebt haben, schauen mich oft verdutzt an, wenn ich erzähle, dass ich es gut finde, wenn meine Inhalte von anderen direkt weiter verwendet werden. Wenn ich dann auch noch darüber spreche, dass sich Gesellschaft durch “Sharen” zum besseren verändern kann, schalten die meisten sowieso ab.

Das Leben in Parallelwelten wird für einige eine Weile so weitergehen. Und ein Teil von uns wird zunehmend in der etwas anderen Welt hängen bleiben. Was gut ist. Wir brauchen diese Visionäre, die die Welt verändern.

Was mir abschließend jedoch viel wichtiger ist, ist, dass wir mit Hilfe einer sich verändernden Kommunikationslandschaft nicht erst Unternehmen beeinflussen, sondern zunächst Menschen. Wenn sich Menschen verändern, wenn wir alle gerne “Creative Commons” einsetzen, weil wir es für richtig halten, und nicht etwa, weil wir uns dadurch eine höhere Verbreitungsrate für den PR-Content erhoffen, dann sind wir auch an einem Punkt angekommen, an dem Unternehmen tatsächlich auch so agieren – nicht nur kommunizieren! – können, wie wir uns das im Idealfall vorstellen. Unternehmen sind nur die Summe ihrer Mitarbeiter, und sie können sich nicht verändern, wenn wir nicht helfen, sie zu verändern. Insofern bin ich allen dankbar, die jeden Tag versuchen, nicht nur Geld mit dieser Veränderung zu verdienen, sondern diese auch wirklich vorzuleben.

Comment