Die Angst vor Zensur
23 June 2009
Ich musste wohl nach Kopenhagen reisen um die Zeit zu finden über das Thema Netzzensur bzw. Zensurusla, wie die coolen Kids es nennen, zu schreiben. Die Zeit, die
zwischen der Abstimmung letzten Donnerstag und diesem Beitrag verstrichen ist, konnte ich aber dazu nutzen um meine ganz persönlichen Probleme mit dem Sachverhalt beschreiben zu können.
Nur um es klar zu machen: das ist kein Beitrag über die allgemein bekannten Probleme von Netzzensur. Die sind nun wirklich ausreichend kommuniziert worden und diejenigen, die heute nicht wissen, worin die Problematik liegt, sind vermutlich einfach ignorant und ein Grund dafür, warum solche Vorhaben in Deutschland überhaupt möglich sind.
Die Sache ist, dass ich ein Ausländer bin mit einem gewissen Hintergrund, der einen dazu förmlich zwingt etwas sensibel auf Opression, mangelnde Fairness und Zensur zu reagieren. Und damit meine ich nicht zwangsläufig meine jüdische Abstammung. Mit der verbinde ich herzlich wenig, obwohl ich Israel sehr gut kenne und schätze. Die Problematik liegt eher bei meinem Geburtsland: UdSSR.
Nun gibt es die UdSSR natürlich nicht mehr. Die Gründe warum meine Eltern damals mit aller Kraft versucht haben diesem Staat zu entfliehen um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen liegen wohl auch auf der Hand. Einer von vielen war aber auch Zensur und Unterdrückung von bestimmten Gesellschaftsgruppen. Ich habe diesen Staat als Kind verlassen, d.h. ich habe selbst die Probleme nie erlebt. Meine Eltern, und mein Vater insbesondere, erzählen dagegen sehr viele Geschichten aus ihrer Vergangenheit. Es war wirklich nicht schön.
Eine insbesondere ist mir besonders in Errinerung geblieben. Mein Großvater ist gestorben als mein Vater 15 war, daher habe ich ihn nie kennengelernt. Wenn man in der UdSSR mit jüdischen Hintergrund ein normales Leben führen wollte, mussten Menschen dafür bestochen werden. Das fängt schon bei den kleinen Dingen an, wie z.B. die Lehrer. Da aber die Mittel fehlten, musste mein Vater miterleben, wie bei seinen Schulprüfungen seine Antworten durchgestrichen werden um nur von der Lehrerschaft die gleiche Antwort als Korrektur dran geschrieben zu bekommen. Dagegen tun konnte niemand etwas. Gerechtigkeit war nicht Teil des kommunistischen Regiems.
Warum ich das als Beispiel für die Netzzensurdebatte anbringe? Weil beides um Unterdrückung und Zensur geht.
Was wir heute in Deutschland erleben ist eine Unterdrückung einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Ich bin gerne optimistisch aber die Realität erlaubt es nicht anders als zu behaupten, dass es sich auch um eine systematische Unterdrückung halten. Für so intelligent halte ich die Menschen, die dieses Land regieren. Mit Dummheit würde keiner soweit kommen, wie sie gekommen sind.
Von welcher Gesellschaftsgruppe ich spreche? Es geht hier nicht mehr um Juden oder andere Religionszugehörigkeiten. Die Spaltung der Gesellschaft ist auf einer viel breiteren Front verlaufen. Konstruktivistisch, wie wir, diese Gesellschaftsgruppe sind, stehen wir nicht immer heraus und können sehr gut in Koexistenz leben. Doch die zwangsläufige Adaptierung von Technologie und dem der Informationsfreiheit bringt andere unter Druck. Unternehmen, Politiker, viele Menschen fühlen sich durch diese bisher noch nie existierende Freiheit in ihrer Freiheit eingeschränkt. Warum? Weil sie vom Mangel an Freiheiten in der Gesellschaft profitiert haben. Vor allem in einem Land wie Deutschland, welches kaum an natürlichen Ressourcen aufbieten kann, Wissen das wichtigste Gut. Wissen ist aber sehr stark an Informaionen gekoppelt und damit natürlich auch an Informationsfreiheit. Was wir aber im Netz jeden Tag erschaffen ist so gewaltig neu und so unvergleichbar wichtig, dass Politiker wie Frau von der Leyen dazu bringt sich Methoden anzuwenden, die auch ein Stalin anwenden würde. Und das ist nicht nur leeres Gerede. Das stalinistische Erbe lebt immerhin prächtig in China weiter, wo Zensur und Unterdrückung alltäglich sind.
Es stimmt mich sehr traurig, dass die Bundesrepublik Deutschland zu einem Land mutiert in der die alte Riege noch soviel Einfluss hat, dass sich Netzzensur und damit Zensur im Allgemeinen, nicht verhindern lassen kann. Die Ankunft in Deutschland war für uns keine Einfache. Getrennt von jeglicher anderer Verwandschaft musste meine Familie, die mit zwei Koffern in diesem Land angekommen ist, von Null wieder starten. Mitlerweile leben wir hier alle ein sehr gutes Leben. Meine Eltern haben ein Haus gebaut und mein Bruder hat letzte Woche sein Abitur erhalten – es ging uns schon sehr viel schlechter. Die vermeitliche Idylle ist durch die Ereignise der letzten Zeit gestört und das ist nicht nur schade sondern für jemanden, der Unterdrückung aus beinahe erster Hand erleben durfte, auch einfach beängstigend.
wahre worte… viel spass in kopenhagen!
— Neurosenthal · Jun 23, 06:44 PM · #